Hören, Zuhören und Dazugehören
Einführung und Selbsterfahrung in Psychodrama für Schwerhörige und Ertaubte
Das andere Hörerlebnis eines schwerhörigen Menschen ist nicht augenfällig. Aber es beeinflußt zweifellos seine kindliche Entwicklung. Wenn eine Schwerhörigkeit später eintritt, verändert sie die bisherige Lebenswelt z.Teil in dramatischer Weise. Hörbehinderte fühlen sich in der Regel unsicher in fremder Umgebung und/ oder in Gesellschaft vieler Menschen unwohl. Sie haben Angst, nicht zu verstehen, für dumm gehalten und abgeschoben zu werden.
Ganz allein auf der Welt zu sein, wo niemand da ist, der so ist wie ich, ist eine tiefgreifende Erfahrung. In den Autobiographien von Gehörlosen ist davon immer wieder zu lesen. Zur Zeit ist das Interesse der Öffentlichkeit an ihnen gewachsen. Aber Schwerhörige oder Erlaubte können, da sie in der Regel gut lesen und verständlich sprechen können, wenig Rücksicht oder gar Bewunderung dafür erwarten, wie sie ihr Schicksal meistern. Wenn sie in Gesellschaft eine geregelte sprachliche Kommunikation einfordern, der sie leichter folgen können, spüren sie, dass sie den gut Hörende zur Last fallen. Sie sind die schwarzen Schafe in der Runde.
Das Gefühl ein schwarzes Schaf zu sein, ist verbunden mit vielen seelischen Schmerzen wie Scham, Trauer, Wut, Verwirrung, Schuldgefühlen und immer wiederkehrender Enttäuschung, nicht dazu zu gehören. Die kleine Insel, die der Schwerhörigen-Verein oder die Selbsthilfegruppe anbietet, können nicht darüber hinweg täuschen, da· die Bevölkerungsmehrheit gut hörend ist, und da· Schwerhörige und Erlaubte häufig in Gemeinschaft von gut Hörenden leben möchten. Deshalb suchen sie nach Unterstützung.
Wenn Hörgeschädigte einen Psychotherapeuten aufsuchen, scheitern viele nicht nur sofort daran, dass· sie Stimme und Mundbild des Therapeuten nur mit größ·ter Konzentration verfolgen können, sondern auch daran, dass· ihre persönliche Erfahrung vom Psychotherapeuten nicht nachvollzogen werden kann.
Was passiert, wenn die Erlebniswelt der Schwerhörigen und Guthörenden aufeinander treffen, ist meines Erachtens vergleichbar mit dem Eindruck, den beispielsweise der surrealistische Maler R. Margritte in seinem Bild "The Human Condition" (Menschliche Bedingung) erzeugt. Ist die auf die Leinwand mitten ins Bild plazierte Landschaft tatsächlich ein genaues Abbild von dem, was dahinter ist? Oder ist sie das richtige Bild? Wer entscheidet, was hier richtig, was gemalt ist, wie das Bild gesehen werden soll? Hörende und Schwerhörige kämpfen täglich im Umgang miteinander mit der gefühlsmäßigen Provokation, die jede Handlung und Äusserung begleitet: " Hast du mich gehört? - Habe ich dich verstanden?" Die Provokation entsteht durch das Aufeinandertreffen des unter-schiedlichen sinnlichen Erlebens.
Gruppenpsychotherapie nach dem Vorbild J.L.Morenos umfaß·t neben der Begegnung in der Gruppe auch das Ausspiel persönlicher Erfahrung auf einer Bühne (Psychodrama) sowie die Untersuchung und Verbesserung sozialer Beziehungen (Soziometrie). Mittels der dramatischen Gestaltung in Handlungsfolgen ermöglicht die Bühne uns einen über die gesprochene Sprache hinaus gehenden Weg der Verständigung. Wir können die Rollen von anderen Menschen ergreifen und lernen, sie besser zu verstehen, indem wir uns besser in sie einfühlen. Die Bühne ermöglicht uns, unser eigenes Leben, unsere innere und äu·ßere Welt, nachzustellen und aus den verschiedenen Blickwinkeln der beteiligten Personen zu betrachten.
Dadurch erhalten die Spieler aber auch die Zuschauer eine erweiterte Erkenntnis der Situation, die sie in ihren Erfahrungsschatz oder in ihre Handlungskompetenz aufnehmen. In der Selbsterfahrung können die Teilnehmer lernen, alltägliche konflikte, zum Beispiel immer wiederkehrende Kommunikationsprobleme, durch psychodramatische Methoden besser zu bewältigen
Die Gruppe ist ein Ort, wo ich gesehen werde und andere sehen kann. Moreno war der Meinung, da ein menschliches Einzelwesen für sich allein psychologisch und sozial armselig bleiben muß·. Für die menschliche Lebensweise sind Beziehungen und persönlicher Ausdruck charakteristisch. Von daher ist die Beziehung zwischen zwei oder mehreren Menschen für Moreno ausschlaggebend für die Entfaltungsmöglichkeiten dieser Personen. Inhalt der Gruppenpsychotherapie ist alles, was die Gruppe selbst betrifft und was sie tut, um als Gruppe Platz für ihre Mitglieder zu schaffen. Ein akzeptiertes Gruppenmitglied zu sein ist eine in sich heilsame Erfahrung. Zu lernen, sich in einer Gruppe verständlich zu machen und Gruppenprozesse zu erkennen ist besonders für Hörgeschädigte eine sehr schwere aber wichtige Aufgabe. Eine kontinuierliche Selbsterfahrungsgruppe mit anderen Hörgeschädigten bietet da eine gute Trainingsmöglichkeit an.
Leitung
Ulla Liss, Dipl.-Psychologin.. Psychodrama-Therapeutin Institüt für Psychodrama Dr. Ella Mae Shearon, Köln. Certified Practioner by The Nordic Board of Examiners in Psychodrama, Sociometry & Group Psychotherapy(Finland, Sweden Norway). Seit Jahren arbeitet sie in der Baumrainklinik in Bad Berleburg mit Hörgeschädigten. Sie ist Mitglied im DSB.
Organisation
Eine laufende Gruppe nimmt noch weitere Mitglieder auf. Nach zwei Treffen entscheiden sich die Gruppenmitglieder, ob sie für weitere acht Treffen zusammen bleiben. Die Verständigung geht über Lautsprache (Fernübertragungsanlage) und LBG. Die Teilnehmer sollen selbst hörgeschädigt sein oder mit Hörgeschädigten unter einem Dach leben.
Das Treffen dauert jeweils Sa von 14.00 Uhr bis 20:00 und So von 10.00 bis 13.00 Uhr . Veranstaltungsort ist das Hörbehinderten - Zentrum in Münster-Hiltrup.
Seminargebühr:60.- DM pro Treffen, plus 5.-DM Umlage für Raummiete; Gruppengröße 6-8 Personen. Weitere Informationen bei Ulla Liss.
Anmeldung
Ulla Liss, Am Steinchen 9
57 319 Bad Berleburg; Tel/Fax 02751- 53174
In unserer heutigen Gesellschaft ist es ein Nachteil, irgendeinen Defekt oder eine Behinderung zu haben. Denn damit verfehlt man das Ideal und wirkt in der Gesellschaft nicht sehr attraktiv. Es ist als ob dem Betroffenen ein Stigma aufgedrückt würde: "Du bist schlechter als wir", nicht: "Du bist anders als wir". Christliche, soziale und demokratische Verbände setzen sich für gleiche Rechte und die Anerkennung aller Benachteiligten ein. Selbsthilfegruppen sollen die eigenen Interessen direkt vertreten.
Eine Hörbehinderung ist verhältnismäß·ig selten und dazu unsichtbar. Von den geschätzten 2,5 Mill. Schwerhörigen in Deutschland sind nur etwa 6ooo im Deutschen Schwerhörigen Verein organisiert. Zeigt dieses Zahlenverhältnis, da· es keine Probleme für Schwerhörige gibt, oder werden sie nur nicht benannt? Viele Schwerhörige lehnen es ab, ein Hörgerät auszuprobieren. Das ist ein Tabu-Thema für sie, solange sie glauben, noch irgendwie klar zu kommen.
Die taub und blind geborene Helen Keller hat einmal formuliert: " Blindsein trennt von den Dingen, Taubsein trennt von den Menschen."
Viele Menschen, die mehr oder weniger schlecht hören, unternehmen in ihrem täglichen Leben allergröß·te Anstrengungen, um diese Trennung von anderen zu überwinden; zum Teil, ohne da· diese anderen es bemerken oder besonders anerkennen. Auch Hörgeschädigte selbst bemerken den Ausfall ihres Gehörs oder ihre besondere physische Anstrengung beim Zuhören selten unmittelbar, d.h. sie bemerken nicht, was sie hätten hören sollen, also was gut Hörende gehört hätten. Es sind die dummen Miß·Verständnisse und die peinliche Ungeduld im Umkreis des Hörgeschädigten, die ihn auf sein Versagen aufmerksam machen.
© Leif Dag Blomkvist
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