Dionysos und seine Masken
Nachdem Moreno die Idee der kreisförmigen psychodramatischen Bühne mit drei Ebenen in den Raum gestellt hatte, war er der Auffassung, daß die Idee von einer solchen Bühne nicht von Shakespeare oder dem griechischen Theater beeinflußt war, sondern er diese der Natur selbst zu verdanken habe.
Therefore, after I had constructed a stage for the new theatre which was to give mankind a sort of dramatic religion, many sked by whom I had been influenced to build a stage of such dimensions, one which is placed in the centre instead of the periphery; one which permits movement unlimited instead of limited; one which is open to all sides instead of in front; one which has the whole community around it, instead of only a part; one which has the form of a circle instead of a square; one which moves up in vertical dimension, instead of maintaining a single level. The stimulus was not the stage of Shakespeare or the stage of the Greeks, I had taken the model from nature itself."
Es ist interessant, daß Moreno diesen Hinweis gibt, weil der Kreis das Bild von Dionysos, der Natur selbst, ist. Wie auch der Kreis keinen Anfang und kein Ende hat, so gibt es bei Dionysos keine Aufteilung, es gibt nur die Unendlichkeit. Oder auf andere Weise ausgedrückt, es gibt kein Ende, sondern es beginnt immer wieder und immer wieder.
Bemerkenswert sind auch die drei Ebenen der Bühne. Die Zahl drei ist ein Ausdruck für die Dreifaltigkeit, Vater, Sohn und heiliger Geist. In der Alchimie ist die drei die Zahl des Todes.
Auf englisch sagt man, daß der Tod zu dritt kommt. Wir wissen, daß Piloten oft nach einem ersten Flugunglück große Angst haben und der Ansicht sind, daß die Gefahr erst nach einem dritten vorbei ist. Für Dionysos ist es der Stillstand, der aufgehoben werden muß. Wenn wir an unser Rechtssystem, den Sport und Prüfungen an der Universität denken, dann werden uns meist drei Chancen gegeben. Wir können einmal und auch zweimal unter Beibehaltung des Status quo Pech haben, aber beim dritten Mal muß es gelingen, oder wir haben verloren. Man steht draußen, die Situation hat sich verändert, der Status quo ist aufgehoben. Wir bemerken in unserem Leben, daß, wenn wir uns am sichersten fühlen und das meiste einbezogen haben, uns dann ein überraschendes Moment überfällt, das im Guten oder Bösen alles umwirft und eine Welt zerstört, die wir gewohnt sind, z.B. völlig überraschend seine Arbeit zu verlieren, sprengt die Grenzen der Selbstbewertung und der Betrachtung des nächsten Umfeldes.
Die Realtitätswahrnehmung vermischt sich nun mit unserer üblichsten Methode, die Existenz einzuteilen, nämlich in objektive Realität und psychische Realität und Phantasie. Für den, der seine Arbeit verloren hat, vermischt sich die Realitätswahrnehmung mit Zukunftsangst und schlechtem Selbstvertrauen. Man kann sagen, daß die Person in der ersten Zeit in einer Art Traumexistenz lebt, einer sog. imaginalen Realität. Die imaginale Realität formt unsere Realitätswahrnehmung, d.h. die tieferen Schichten unserer Psyche respektieren die alltägliche Aufteilung zwischen Psyche und Materia nicht. Daher das Wort Ekstase. Wir befinden uns öfter als wir glauben in ekstatischen Zuständen, besonders, wenn uns etwas aus der Bahn geworfen hat. Ekstase bedeutet ursprünglich: "seine Individualität zu Ehren der Götter aufgeben", mit anderen Worten, daß sich die Person aufgelöst hat oder weit über die individuellen Grenzen über das Ich und das Bewußtsein hinausgetreten ist. Im griechischen Theater war man der Auffassung, daß die Maske, Dramatis Personae, der Gott Dionysos sei. Diese Maske bedeckte den gesamten Schauspieler, der hiermit seine Individualität zur Ehre des Gottes Dionysos aufgab. Die Maske war eine Art Kreuzung mit einer feinen Grenze zwischen dem Menschlichen und Göttlichen, eine Grenze, der die größte Bedeutung innerhalb der griechischen Mythologie innewohnt. Als Mensch die Wechselwirkung zwischen den menschlichen und göttlichen Einflüssen zu bewältigen, ist ein Balanceakt auf dieser Grenze. Sollte sich der Schauspieler in der Maske verlieren, wird sich der Enthusiasmus, den er fühlt, in eine Hybris verwandeln, d.h. sich mit den göttlichen Kräften messen, was in der griechischen Mythologie einer Kardinalsünde entspricht. Diese Sünde wurde immer mit dem Tode bestraft. In Schweden kennen wir die Redewendung Hinauf wie eine Sonne, herunter wie ein Pfannkuchen".
Wenn wir das griechische Theater und dessen Sichtweise auf das alltägliche Leben übertragen, sagen wir oft Er hat seine Maske fallen lassen" und meinen damit, daß die Person nun etwas Verborgenes, etwas Tieferes, Echteres gezeigt hat, etwas, was früher durch die Maske verborgen war. Im Theater des Lebens können wir uns Masken aufsetzen, wie etwa die des großen Therapeuten, Rechtsanwalts, Arztes, der perfekten Mutter und von dieser völlig verschluckt werden. Dies bedeutet, daß der Mensch das verloren hat, was man als die menschliche Form bezeichnet. Hitler ist ein gutes Beispiel für eine solche Identifikation, da diese das Ich auflöst und einen unverdienten Zugang zu Mana, der Urkraft, gibt. Dieses Wort wird z.B. auch in Manie verwandt. Aber die Maske, Dramatis Personae, ist auch ein Image, die ein Eigenleben und eine eigene Kraft, abgetrennt vom Individuum besitzt, und diesem Mut, Stärke, Kraft und Rat geben sowie von großem Nutzen sein kann. In Märchen sehen wir diese Kraft oft von einem kleinen Tier ausgehen, das in einer aussichtslosen Lage dem Protagonisten zu einer Heldentat verhilft.
Ein Arzt, der auf seine 20jährige Arztkarriere zurückblickte, erzählte einer Gruppe, wie unglaublich initiativ und mutig er als junger Arzt war, als er allein in der Ambulanz war, und wie leicht er Beschlüsse faßte, eine Operation vorzunehmen, die er sich heute durchzuführen nicht getrauen würde. Beschlußkraft war nie die starke Seite dieser Person. Dies ist ein Beispiel für Enthusiasmus, erfüllt von Gott zu sein, auf der Grenze zum Übermut. Im Rahmen einer normalen Entwicklung wird die Dramatis Personae mehr und mehr in das integriert, was man als Persönlichkeit bezeichnet.
Eine andere Form ist, daß Menschen die Maske zu sehr fallen lassen, etwas, was wir heute recht oft erleben, wenn sich Menschen zu stark mit ihrer Arbeit, z.B. in der Geschäftswelt identifiziert haben und diese plötzlich verlieren, oder einem Skandal ausgesetzt sind, durch den ihre Maske zerstört wird. Dies hat ebenfalls einen das Ich auflösenden Effekt. Eine Folge dessen kann sein, daß die Person eine Maske einsetzt, die keine Form des dynamisch, kritischen Denkens erfordert, aufgrund welcher er nicht zu irgendwelchen moralischen oder ethischen Beschlüssen Stellung beziehen muß, Fragen die sonst im Grenzland zwischen dem Menschlichen-Göttlichen liegen.
Eine letzte Form, die heute ein immer häufigeres Problem darstellt, sind Menschen, die nie Zugang zu einer Maske hatten. Diese Menschen sind, wie auch die vorher beschriebenen, ohne Träume, Enthusiasmus, Wegweiser. Das Leben verliert seinen religiösen Sinn und bleibt dadurch sicher beschränkt. Diese Menschen geraten die ganze Zeit nur in Situationen, da ihre Fähigkeit, ihre Aktionen von außen, also aus einer anderen Perspektive als der eigenen reflektieren zu können, eingeschränkt ist. Die Ekstase wird zu einem Erlebnis, mit dem das Ich nicht umgehen kann. Die Ekstase wird zu etwas Negativem. All das Unvorhergesehene, sämtliche Überraschungsmomente werden zu Situationen, mit der die Person nicht umgehen kann, d.h. die Person ist völlig ohne Spontaneität. Spontaneität ist laut Moreno eine adäquate Reaktion auf eine neue Situation. Es umfaßt eine Reflexion auf vielen verschiedenen Ebenen und Zugang zu ästhetischen und ethischen Responsen in Relation zu sich selbst, zur Umwelt und dem Göttlichen zu haben.
Das Seminar beabsichtigt, eine Einführung hinsichtlich des für das Psychodrama so zentralen Gottes Dionysos darzustellen und möchte den Teilnehmern grundlegende Kenntnisse über seine Natur, seine Bedeutung für die Psychologie und Psychotherapie heute und seinen Bezug zum Psychodrama vermitteln.
© Leif Dag Blomkvist
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