Stille Gewalt
Suizid Die Mystik um die letzte Wahl
Die erste echte soziologische Studie über Selbstmord wurde von Emile Durkheim (1858 1917) durchgeführt. Er entdeckte, daß es der disintegrierende Einfluß der Individualität bezüglich der Gruppe war, der in den Selbstmord stürzte. Die Kirche und ebenso die Psy chologie haben den Akt der Selbsttötung entweder als kriminell betrachtet oder als ein Zeichen von Wahnsinn oder später als Zeichen von Destruktivität. Für einen medizinisch ausgebildeten Psychotherapeuten wird damit das Problem verschärft. Der moderne Mediziner ist nicht be sonders an der Seele interessiert. Leben zu fördern, bedeutet heute Leben zu verlängern. Wenn es einem Patienten besser geht, heißt das, daß er länger lebt. Der Tod ist ein Erzfeind der Medizin, weil der Arzt kein Heilmittel gegen ihn hat, er muß bekämpft werden. Der Suizid, der selbstverständlich zum Tode führen wird, muß daher bekämpft werden. Dies hat unsere Sichtweise, auch in der Psychiatrie, dahingehend beeinflußt, daß Suizid immer destruktiv ist. Wir können nie die Wahl, Selbstmord zu begehen, als eine freie Wahl betrachteten. Nahezu alle praktizierenden Psychotherapeuten haben schon Befürchtungen gehabt, ihre Klienten könnten Selbstmord begehen, und haben versucht, dies zu verhindern.
Die Seele ist dem Ich entgegengesetzt und wird als unsterblich betrachtet. Für die Seele meint Tod und Transformation dasselbe und bedeutet sehr häufig etwas ganz anderes als für das Ich. In Träumen und Fantasien haben Todesideen und Bilder vom Sterben eine völlig andere Bedeu tung. Die Seele geht durch viele Todeserfahrungen, auch wenn das physische Leben immer weiter geht.
Die Tatsache, daß J.L.Moreno am Ende seines Lebens den Tod begrüßte und sich entschied, sein Leben nicht durch künstliche Mittel zu verlängern, wird heute in der Psychodrama Bewegung kaum erwähnt. Die Tatsache, daß dieser Mann und seine Frau, Zerka, Klienten ermunterten, auf der Psychodrama-Bühne durch den imaginierten Suizid und die Todeserfahrung zu gehen, war ein revolutionärer Schritt für das Verständnis der Seele in der Psychotherapie. Manche Menschen fühlen, daß sie ihr Leben auf der Erde vollendet haben. Einige andere Menschen wollen hier, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr leben. Sind diese Menschen immer psychotisch, verrückt und als Patienten zu betrachten oder gibt es einen Weg, sich diesem Problem so zu nähern, daß der suizidale Mensch weiterhin seine Würde behält?
Durch was immer wir in diesem Seminar gehen werden, wir werden keine Antwort auf die Mystik der letzten Wahl finden.
© Leif Dag Blomkvist
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